ARTIST STATEMENT
Jinseok Lee arbeitet mit organischen Überresten — Stroh, Gaze, gefärbten oder handgerissenen Stoffen, getragener Kleidung, Erde — und mit gegossener Bronze.
Beide Materialarten erreichen ihn im Übergang, nachdem sie bereits die Zeit eines Körpers durchlaufen haben — weder vollständig abgeschlossen noch ganz vergangen.
Ich arbeite an der Schwelle, an der eine Form entscheiden muss, ob sie zerfallen oder beharren wird, und durch diese Schwelle hindurch halte ich fest, was in keiner anderen Sprache gesagt werden kann.
Meine Doppelposition – in Korea geboren, in Deutschland arbeitend – ist nicht beiläufig für diese Arbeit, sondern ihre strukturelle Bedingung. Ostasiatische Zurückhaltung und westliche Materialität – in meiner Arbeit wird das eine nicht zum Alibi des anderen. Die Kreuzung selbst ist der Ort, an dem mein Werk steht.
Meine Arbeit erklärt den Verlust nicht; sie trägt ihn. Ich halte die Zeit des Verlusts in einer Sprache der ausharrenden Materie fest.
Der Mensch wird heute aufgefordert, seinen Wert durch Genauigkeit und Effizienz zu beweisen. Dort, wo diese Funktion entzogen ist — wohin geht der Mensch? Eine Geschwindigkeit, die keine Trauer erlaubt, löscht die Zeit des Menschen aus.
Der Verlust ist nichts, was überwunden werden muss, sondern etwas, das getragen wird. Doch dieses Tragen ist nicht das passive Andauern des Schmerzes. Die Zeit des Tragens ist der Ort, an dem wir wieder berühren, was wir vor der Funktion waren — Wesen, die einander gepflegt, einander Wärme gegeben haben.
Ich verwandle diese Zeit des Tragens, und das in uns, was nicht zerstört werden kann, in Materie.
Ich war lange von bestimmten Substanzen angezogen: Dingen, die zugleich durchscheinend und elastisch sind; Dingen, die sich dehnen, bis sie reißen, und dabei die Fäden in ihrem Innern offenbaren; Dingen, gelockert und durchstoßen, aber nie weggeworfen.
Verblasste Tücher, mit denen einst Körper abgewischt wurden. Ärmel, durch langes Tragen ausgedehnt. Ein Kleidungsstück, in der sorgsamen Hut eines Haushalts geflickt. Fragmente, die zu leuchten versuchen, wo immer noch ein dünnes Licht hinfällt.
Als diese Materialien zu mir kamen, erkannte ich etwas Vertrautes in ihnen — sie ähnelten der Abwesenheit. Sie waren, was jemand zurückgelassen hatte.
Ich begann, sie als Beweis dafür zu verstehen, dass jemand gelebt hatte, und als einen Ort, an dem sie in meiner Erinnerung weiter fortbestanden.
Auch nachdem der Körper verschwunden war, hielt die Materie noch immer ihre Zeit.
Ich wollte aus diesen Fragmenten Fleisch wiederherstellen — sie ausfüllen, sie wiederbeleben.
Meine Hände bewegten sich, bevor meine Gedanken es taten.
Was tun wir mit Dingen, die sich gelockert und dünn gerieben haben?
Ich hebe sie auf. Was ich aufhebe, muss nicht für immer gehalten werden — es muss nur getragen werden, bis es losgelassen werden kann.
An einem Grab sah ich einmal Plastikblumen. Sie welkten nicht, veränderten sich nicht, waren ewig. Und doch wurden sie oft durch neue ersetzt. Die Blumen, die ausgehalten hatten, wirkten unzulänglich. Das Neue fühlte sich aufrichtiger an.
Die ersetzten Blumen werden zu Industrieabfall. Doch wir konsumieren die Trauer nicht einfach — wir konsumieren und rufen sie zugleich. Die neue Blume ruft die Form der Trauer wieder zurück, und diese Form, nie aufgelöst, wird erneut umgeformt und ersetzt. Die Trauer löst sich nicht auf. Sie wird verbraucht, immer wieder, im Sinne des Erinnerns.
Vor den Dingen, die sich gelockert und dünn gerieben haben, verweile ich in einer anderen Frage. Wo, und wie, ähneln wir ihnen? Welche Empfindung begegnet uns in der Zeit des Tragens? Die Materialien, mit denen ich arbeite, sind keine Antworten auf diese Frage. Sie sind der Ort, an dem die Frage verweilt.
Ich nähere mich der Trauer nicht als Thema. Ich halte sie auch nicht in jenem Kreislauf des Ersetzens fest, der sich nie auflöst. Ich nähere mich ihr als etwas, das in der Materie selbst lebt.
Was ein Körper berührt, getragen oder am Leib gehabt hat, registriert nicht nur Gebrauch — es bewahrt Empfindung. Was sich beugen kann, zerbricht nie.
Meine Praxis steht auf dieser Überzeugung: Materie vergisst nicht, auch wenn von uns verlangt wird zu vergessen.
Ich schabe, presse, drehe und verwebe von neuem. Ich reiße, färbe und füge wieder zusammen.
Die Arbeit ist andauernd; jeder Akt ist zugleich eine Aufzeichnung der Zeit und eine Weigerung, diese Zeit dem Vergessen zu überlassen.
Ich suche keine endgültige Form. Ich nehme genau die Schwelle — an der eine Form entschieden wird, ob sie hält oder zerfällt — als Bedingung meiner Arbeit.
Dieser Prozess des Reißens, Füllens und Wiederzusammenfügens unterscheidet sich nicht vom Akt, sich selbst neu zusammenzusetzen.
Neben den organischen Überresten arbeite ich auch mit Bronze.
Dieses Material kam in meine Praxis als ein Weg, die wandelbare Zeit organischer Materie in eine andere Zeit zu übertragen — eine Beständigkeit, die menschlich ist, eine Ewigkeit, die alltäglich ist. Nicht die Unveränderlichkeit, die die Industrie verspricht, sondern eine Beständigkeit, die nur durch Tragen erreicht wird.
Wo Stroh, Gaze und getragene Stoffe reißen und zerfallen, erlaubt Bronze — hervorgebracht durch Feuer und einen langen Prozess — das Fragile in einer anderen Form festzuhalten.
Bronze ist einer von mehreren Wegen, auf denen ich quer durch die Materialien dieselbe Frage stelle — wie man der Zerbrechlichkeit selbst Gewicht verleihen kann.
In der Galerie nehmen diese Arbeiten den Raum ein, als wären sie dort hineingedriftet. Sie lehnen, setzen sich ab, sammeln sich am Boden wie Sediment oder hängen, als warteten sie darauf, beansprucht zu werden.
Sie tragen in ihrem Gewicht oder ihrer Dünne die Verschiebung, die sie hervorgebracht hat — Körper, Stoffe und Materie, die sich zwischen Orten bewegt haben, ohne je ganz anzukommen.
Die Formen halten einen Zustand der Spannung, als wären sie kurz davor zu zerreißen.
Ich verstehe dies als den Critical Point: die Schwelle, die weder vollständig zerfallen noch vollständig getragen ist.
Es ist die formale Bedingung, die ich erfassen möchte, und die existenzielle Bedingung eines Menschen, der ausharrt, während er sich selbst verliert.
Die Risse und Löcher sind Stellen, an denen ein unsichtbarer innerer Kampf an die Oberfläche durchbricht.
Ich glaube, Materie erinnert sich.
Auch nachdem der Körper verschwunden ist, bleibt Empfindung im Material.
Der Betrachter begegnet abgenutzten Schichten anstelle glatter Oberflächen; einer Zeit des Verweilens anstelle unmittelbarer Reizung.
Was ich suche, ist nicht das Ausharren allein.
An der Schwelle, wenn der Körper nicht mehr halten kann, beginnt etwas anderes — ein leises Schweben, ein zurückkehrender Atem. Der Druck, der die Form gebunden hat, wird gewichtslos.
Eine Zeit, in der man die Augen geschlossen hält, still, bis das Licht vorübergegangen ist.
Durch die Sprache der ausharrenden Materie halte ich nicht nur die Zeit des Verlusts fest, sondern auch den Moment, in dem das, was fest gehalten wurde, endlich lernt, sich selbst loszulassen.
ARTIST STATEMENT
Jinseok Lee arbeitet mit organischen Überresten — Stroh, Gaze, gefärbten oder handgerissenen Stoffen, getragener Kleidung, Erde — und mit gegossener Bronze.
Beide Materialarten erreichen ihn im Übergang, nachdem sie bereits die Zeit eines Körpers durchlaufen haben — weder vollständig abgeschlossen noch ganz vergangen.
Ich arbeite an der Schwelle, an der eine Form entscheiden muss, ob sie zerfallen oder beharren wird, und durch diese Schwelle hindurch halte ich fest, was in keiner anderen Sprache gesagt werden kann.
Meine Doppelposition – in Korea geboren, in Deutschland arbeitend – ist nicht beiläufig für diese Arbeit, sondern ihre strukturelle Bedingung. Ostasiatische Zurückhaltung und westliche Materialität – in meiner Arbeit wird das eine nicht zum Alibi des anderen. Die Kreuzung selbst ist der Ort, an dem mein Werk steht.
Meine Arbeit erklärt den Verlust nicht; sie trägt ihn. Ich halte die Zeit des Verlusts in einer Sprache der ausharrenden Materie fest.
Der Mensch wird heute aufgefordert, seinen Wert durch Genauigkeit und Effizienz zu beweisen. Dort, wo diese Funktion entzogen ist — wohin geht der Mensch? Eine Geschwindigkeit, die keine Trauer erlaubt, löscht die Zeit des Menschen aus.
Der Verlust ist nichts, was überwunden werden muss, sondern etwas, das getragen wird. Doch dieses Tragen ist nicht das passive Andauern des Schmerzes. Die Zeit des Tragens ist der Ort, an dem wir wieder berühren, was wir vor der Funktion waren — Wesen, die einander gepflegt, einander Wärme gegeben haben.
Ich verwandle diese Zeit des Tragens, und das in uns, was nicht zerstört werden kann, in Materie.
Ich war lange von bestimmten Substanzen angezogen: Dingen, die zugleich durchscheinend und elastisch sind; Dingen, die sich dehnen, bis sie reißen, und dabei die Fäden in ihrem Innern offenbaren; Dingen, gelockert und durchstoßen, aber nie weggeworfen.
Verblasste Tücher, mit denen einst Körper abgewischt wurden. Ärmel, durch langes Tragen ausgedehnt. Ein Kleidungsstück, in der sorgsamen Hut eines Haushalts geflickt. Fragmente, die zu leuchten versuchen, wo immer noch ein dünnes Licht hinfällt.
Als diese Materialien zu mir kamen, erkannte ich etwas Vertrautes in ihnen — sie ähnelten der Abwesenheit. Sie waren, was jemand zurückgelassen hatte.
Ich begann, sie als Beweis dafür zu verstehen, dass jemand gelebt hatte, und als einen Ort, an dem sie in meiner Erinnerung weiter fortbestanden.
Auch nachdem der Körper verschwunden war, hielt die Materie noch immer ihre Zeit.
Ich wollte aus diesen Fragmenten Fleisch wiederherstellen — sie ausfüllen, sie wiederbeleben.
Meine Hände bewegten sich, bevor meine Gedanken es taten.
Was tun wir mit Dingen, die sich gelockert und dünn gerieben haben?
Ich hebe sie auf. Was ich aufhebe, muss nicht für immer gehalten werden — es muss nur getragen werden, bis es losgelassen werden kann.
An einem Grab sah ich einmal Plastikblumen. Sie welkten nicht, veränderten sich nicht, waren ewig. Und doch wurden sie oft durch neue ersetzt. Die Blumen, die ausgehalten hatten, wirkten unzulänglich. Das Neue fühlte sich aufrichtiger an.
Die ersetzten Blumen werden zu Industrieabfall. Doch wir konsumieren die Trauer nicht einfach — wir konsumieren und rufen sie zugleich. Die neue Blume ruft die Form der Trauer wieder zurück, und diese Form, nie aufgelöst, wird erneut umgeformt und ersetzt. Die Trauer löst sich nicht auf. Sie wird verbraucht, immer wieder, im Sinne des Erinnerns.
Vor den Dingen, die sich gelockert und dünn gerieben haben, verweile ich in einer anderen Frage. Wo, und wie, ähneln wir ihnen? Welche Empfindung begegnet uns in der Zeit des Tragens? Die Materialien, mit denen ich arbeite, sind keine Antworten auf diese Frage. Sie sind der Ort, an dem die Frage verweilt.
Ich nähere mich der Trauer nicht als Thema. Ich halte sie auch nicht in jenem Kreislauf des Ersetzens fest, der sich nie auflöst. Ich nähere mich ihr als etwas, das in der Materie selbst lebt.
Was ein Körper berührt, getragen oder am Leib gehabt hat, registriert nicht nur Gebrauch — es bewahrt Empfindung. Was sich beugen kann, zerbricht nie.
Meine Praxis steht auf dieser Überzeugung: Materie vergisst nicht, auch wenn von uns verlangt wird zu vergessen.
Ich schabe, presse, drehe und verwebe von neuem. Ich reiße, färbe und füge wieder zusammen.
Die Arbeit ist andauernd; jeder Akt ist zugleich eine Aufzeichnung der Zeit und eine Weigerung, diese Zeit dem Vergessen zu überlassen.
Ich suche keine endgültige Form. Ich nehme genau die Schwelle — an der eine Form entschieden wird, ob sie hält oder zerfällt — als Bedingung meiner Arbeit.
Dieser Prozess des Reißens, Füllens und Wiederzusammenfügens unterscheidet sich nicht vom Akt, sich selbst neu zusammenzusetzen.
Neben den organischen Überresten arbeite ich auch mit Bronze.
Dieses Material kam in meine Praxis als ein Weg, die wandelbare Zeit organischer Materie in eine andere Zeit zu übertragen — eine Beständigkeit, die menschlich ist, eine Ewigkeit, die alltäglich ist. Nicht die Unveränderlichkeit, die die Industrie verspricht, sondern eine Beständigkeit, die nur durch Tragen erreicht wird.
Wo Stroh, Gaze und getragene Stoffe reißen und zerfallen, erlaubt Bronze — hervorgebracht durch Feuer und einen langen Prozess — das Fragile in einer anderen Form festzuhalten.
Bronze ist einer von mehreren Wegen, auf denen ich quer durch die Materialien dieselbe Frage stelle — wie man der Zerbrechlichkeit selbst Gewicht verleihen kann.
In der Galerie nehmen diese Arbeiten den Raum ein, als wären sie dort hineingedriftet. Sie lehnen, setzen sich ab, sammeln sich am Boden wie Sediment oder hängen, als warteten sie darauf, beansprucht zu werden.
Sie tragen in ihrem Gewicht oder ihrer Dünne die Verschiebung, die sie hervorgebracht hat — Körper, Stoffe und Materie, die sich zwischen Orten bewegt haben, ohne je ganz anzukommen.
Die Formen halten einen Zustand der Spannung, als wären sie kurz davor zu zerreißen.
Ich verstehe dies als den Critical Point: die Schwelle, die weder vollständig zerfallen noch vollständig getragen ist.
Es ist die formale Bedingung, die ich erfassen möchte, und die existenzielle Bedingung eines Menschen, der ausharrt, während er sich selbst verliert.
Die Risse und Löcher sind Stellen, an denen ein unsichtbarer innerer Kampf an die Oberfläche durchbricht.
Ich glaube, Materie erinnert sich.
Auch nachdem der Körper verschwunden ist, bleibt Empfindung im Material.
Der Betrachter begegnet abgenutzten Schichten anstelle glatter Oberflächen; einer Zeit des Verweilens anstelle unmittelbarer Reizung.
Was ich suche, ist nicht das Ausharren allein.
An der Schwelle, wenn der Körper nicht mehr halten kann, beginnt etwas anderes — ein leises Schweben, ein zurückkehrender Atem. Der Druck, der die Form gebunden hat, wird gewichtslos.
Eine Zeit, in der man die Augen geschlossen hält, still, bis das Licht vorübergegangen ist.
Durch die Sprache der ausharrenden Materie halte ich nicht nur die Zeit des Verlusts fest, sondern auch den Moment, in dem das, was fest gehalten wurde, endlich lernt, sich selbst loszulassen.
ARTIST STATEMENT